Vor der Klassenarbeit [2 motivierte Helfer, davon mind. 1 Sa

Notfallszenarien für Ersthelfer bis Rettungsdienstmitarbeiter.

Foren-Übersicht Erste Hilfe, Rettung und Medizin Fallbeispiele

08.01.2012, 22:55
Dann will ich das ganze mal auflösen.

Fangen wir mal mit den Symptomen an, die ihr bei der Patientin vorgefunden habt:
- Kopfschmerzen
- Fieber
- Meningismus (Nackensteife)
- Übelkeit/Erbrechen
- Krampfanfall
- Bewussteinseintrübung
- Petechien (http://www.dermis.net/bilder/CD007/550px/img0055.jpg)

Die Arbeitsdiagnose würde also auf eine Meningitis (Hirnhautentzündung) hinauslaufen, genauer gesagt eine B-Meningokokkenmeningitis mit Meningokokkensepsis und Waterhouse-Friderichsen-Syndrom. (Das nur so für die mitlesenden Mediziner - ich hab mir das grad auch nur diktieren lassen, weils über meinen Kentnissstand hinaus geht).

Für eure Versorgung der Patientin hat das alles aber keine großen Konsequenzen, da ihr hier primär das versorgen solltet, was ihr vorfindet bzw. symptmorientiert bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes behandeln solltet. Ihr habt euch also erstmal einen Überblick über die Situation verschafft und euch von Mitschülern und Lehrerin erklären lassen, was gerade passiert war. Da die Patientin zu diesem Zeitpunkt noch einigermaßen kommunikationsfähig war, wäre es hier schön gewesen, wenn ihr sie mehr in die Anamnese mit einbezogen hättet. Die Informationen, die ihr von der Lehrerin bekommen habt (grippaler Infekt etc). hättet ihr euch auch von ihr selbst einholen können.
Nachdem ihr die Vitalparameter (Puls, Blutdruck und hier zusätzlich Temperatur) bestimmt hattet und durch das Berichtete einen ersten Überblick hattet, habt ihr vorerst auf die Arbeitsdiagnose Krampfanfall geschlossen und euch für die Alarmierung des Rettungsdienstes entschlossen, was durchaus richtig war. Beim Notruf selbst haben mir allerdings einige Symptome (Fieber, Petechien bzw. rote Pünktchen) gefehlt, die ihr vermutlich vergessen habt, weil sie nicht zur Verdachtsdiagnose gepasst haben. Das kann vorkommen und ist euch nicht weiter vorzuwerfen - mit den Angaben, die ihr gemacht habt, hättet ihr so oder so einen RTW plus Doc bekommen und somit die Hilfe, die ihr benötigt habt.
Bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes habt ihr euch um die Patientin gekümmert und versucht rauszufinden, wie es zu dem Krampfanfall kam. Der Bodycheck dabei hat dann noch die Nackensteifheit klarer herausgestellt und ihr habt auch noch weitere Petechien entdeckt. Da ihr damit aber nicht viel anfangen konntet (und auch mit dem San-Kurs nicht zwingend müsst) habt ihr euch darauf beschränkt, die Patientin so zu lagern, dass der Kreislauf nicht weiter einbricht und euch wegen der Kopfschmerzen gegen eine Schocklage entschieden. Das Sitzen war sicherlich nicht verkehrt, ich habe allerdings die angewinkelten Beine mit ins Spiel gebracht, da ausgestreckte Beine hier wieder zu einer Nervenreizung (siehe Kopf auf Brust beugen) geführt hätte, die von der Patientin nicht toleriert worden wäre. Zusätzlich habt ihr weiterhin Blutdruck und Puls beobachtet und viel mehr auch nicht tun können.
Bei der Übergabe hat mir wieder das Fieber gefehlt, sonst war hier glaube ich soweit alles drin.

Die Idee mit den Medikamenten halte ich für eine wichtige Frage, da gerade die roten Pünktchen auch als Ausschlag und somit als allergische Reaktion hätten gedeutet werden können. Im Zusammenhang mit den anderen Symptomen hätte sich das aber nicht weiter bestätigt.

Abschließend noch ein paar erläuternde Worte zum Krampfanfall und den Petechien, nach denen ich via PN schon von ein paar Usern gefragt wurde:
Beides sind Symptome, die mit einer Meningitis einhergehen können, dies aber nicht unbedingt müssen. Der Krampfanfall erklärt sich hierbei als symptomatischer Krampfanfall, der auf eine Mitbeteiligung des Gehirns zurückzuführen ist, die Bewusstseinstrübung auf den durch die Entzündung erhöhten Hirndruck/ auf die Gehinmitbeteiligung.
Die roten Pünktchen (Petechien) treten im Rahmen einer Sepsis auf, wenn die Meningokokken im Blut ihr Unwesen treiben. Durch die Sepsis kommt es zu einem übermäßigen Verbrauch an Blutgerinnungssubstanzen und Blutplättchen und die Blutungsneigung steigt, was letztendlich zu Einblutungen u.a. in die Haut führt.

Alles in allem ist das ganze eine für die Patientin ungünstige Diagnose, die intensivmedizinisch weiterbehandelt werden muss. Für euch und alle anderen, die mit der Patientin in Kontakt waren, gibts ne Runde Smarties (Antibiotikum) und vermutlich auch ein paar Tage Schulfrei (Isolation).

Ich hoffe, ich habe a) nichts vergessen und b) mich einigermaßen verständlich ausgedrückt. Falls eins von beiden (oder beides) doch der Fall ist, einfach melden ;)

Liebe Grüße

Caro
Caro, 28, Lehrerin.

09.01.2012, 07:43
Das war ja mal eine Herausforderung!

Hinzuzufügen hätte ich noch, dass ein Patient mit dem hier beschriebenen Bild eines Waterhouse-Friderichsen-Syndroms SCHWERST krank ist. Ohne Therapie versterben 100% aller Patienten, mit maximaler Therapie noch etwa 90%. Der Blutdruck war ja noch sehr vertretbar. Durch den zu erwartenden septischen Schock wäre hier zu erwarten, dass er noch deutlich tiefer wäre, vielleicht so um die 50-60 systolisch ohne Behandlung.

Für die Hauterscheinungen gibt es eine sehr schöne Beschreibung: Intravitale Leichenflecken. Genau so sieht es aus.

Übrigens wäre eine Isolation der Kontaktpersonen nicht erforderlich. Eine Einmalgabe von 750mg Ciprofloxacin reicht aus. Eine Übertragung auf Dritte erfolgt nicht ohne Symptome, also muss sich die Familie keine Gedanken machen. Übrigens müssen es nicht Meningokokken sein - Pneumokokken wären IMHO häufiger.
Es ist Dein Recht, Waffen abzulehnen. Es ist Deine Freiheit, nicht an Gott zu glauben. Aber wenn jemand in Dein Haus einbricht, sind die ersten beiden Dinge, die Du tun wirst: Jemanden mit einer Waffe rufen und beten, dass er rechtzeitig da ist.

09.01.2012, 09:43
Jepp - ich hab nicht umsonst geschrieben, dass ich für den Fall zumindest Sanhelfer brauche. Ich verspreche, der nächste Fall wird wieder etwas unspektakulärer, wenngleich hoffentlich trotzdem interessant. Wir arbeiten noch dran.

Ich hab mich für die Meningokokken entschieden, weil mein wandelndes Lexikon meinte, das Waterhouse-Friderichsen-Syndrom sei bei Pneumokokken deutlich seltener. Auch die Sache mit dem Blutdruck geht auf sein Konto ;)

Die Isolation hatte ich noch im Hinterkopf, weil es an unserer Nachbarschule damals (vor 6-7 Jahren) so lief. Da wurden rund 300 Schüler für einige Tage isoliert, nachdem 3 Schüler Symptome einer Meningitis hatten und zwei letztendlich auch verstarben. Ich gebe zu, da nicht mehr in die aktuellen Bestimmungen diesbezüglich reingeschaut zu haben.
Caro, 28, Lehrerin.

10.01.2012, 13:43
Ein Punkt von mir:

Evtl. hätte der Notruf früher kommen können, Synkope (vom Stuhl gefallen) und Krampfanfall (laut Lehrerin) sind immerhin zwei gute Gründe den RD zu rufen. Was hätte die Untersuchung (Puls, Blutdruck) ergeben können, welches einen Notruf ausschließt?

@Caro: Petichien sind Punktförmige Einblutungen in der Haut. Soweit sind wir einer Meinung. Sie treten aber nicht nur bei der schweren Sepsis auf, sondern auch z.B. bei dem Erstickungstod, beim Tod durch erwürgen. Dann besonders in den Augenlidern.

Nur als Ergänzung :)
" Die jungen Leute von heute sind wesentlich angenehmer als in den 60er, 70er und 80er Jahren. Sie sind toleranter und respektvoller, auch älteren Leuten gegenüber. "
- Heino

10.01.2012, 16:26
Original von M1k3
Ein Punkt von mir:

Evtl. hätte der Notruf früher kommen können, Synkope (vom Stuhl gefallen) und Krampfanfall (laut Lehrerin) sind immerhin zwei gute Gründe den RD zu rufen. Was hätte die Untersuchung (Puls, Blutdruck) ergeben können, welches einen Notruf ausschließt?
(...)



Jo. M1k3 da geb ich dir Recht. (; Der Notruf hätte wirklich nach den ersten Info's kommen können :D
...hier kommt ein ganz normaler Held...ich rette die Welt!-Madsen :D
Mit Schwimmflügeln kann man im Regen fliegen! :)

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